Wer war Maria Montessori?

 

Am 31. August 1870 wird Maria Montessori als einziges Kind des Finanzbeamten Alessandro Montessori (1832 – 1915) und seiner aus einer Gutsbesitzerfamilie stammenden Frau Renaldi, geb. Stoppani (1848 – 1912) in Chiaravalle bei Ancona/Italien geboren.

Sie besucht die sechsjährige Grundschule und danach die naturwissenschaftlich-technische Sekundarschule. Zuerst studiert sie von 1890-1892 Naturwissenschaften und anschließend gegen den Willen ihres Vaters und als erste Frau in Italien Medizin (1892 –1896). Sie absolviert dieses Studium und promoviert.

Nach einem Schlüsselerlebnis bei Kindern von Patientinnen in einer psychiatrischen Klinik entwickelt sie ein didaktisches Material nach den Franzosen Itard und Seguin.

Nach der Geburt ihres Sohnes Mario, den sie in die Hände einer Amme gibt, studiert sie Pädagogik und Anthropologie. Ab 1899 übernimmt sie eine Dozentur am Ausbildungsinstitut für Lehrerinnen im Rom. Dort wird unter ihrer Anleitung ihre Methodik zur Erziehung und Unterricht vermittelt.

 

Die Grundelemente ihrer Pädagogik werden zuerst mit geistig behinderten Kindern durchgeführt. Dann werden ihre Erkenntnisse bei Kindern aus einem eher sozial schwachen Milieu überprüft und angewendet. Die überraschenden pädagogischen Erfolge führen dazu, dass bald das „vornehme Rom“ Einrichtungen dieser Art für seine Kinder fordert. Kinderhäuser nach Montessori „case dei bambini“ werden  eingerichtet.

 

Grundelemente der Montessori-Pädogogik

„Hilf mir es selbst zu tun“


 

1. Die sensiblen Phasen

 

Wenn ein Kind in die Schule kommt, ist seine soziale Kompetenz bereits entwickelt. Das Kind ist ein aktives Wesen, das seine Fähigkeiten nur im Austausch mit anderen, ihm vertrauten Menschen und mit seiner Umwelt erwirbt.

 

Montessori versteht unter sensiblen Phasen bestimmte Zeitkorridore für das Erlernen bestimmter grundlegender Fähigkeiten, d. h. das Kind ist besonders empfindlich für bestimmte Dinge. Es sind Perioden gesteigerter Aufnahmefähigkeit. Sie sind von vorübergehender Dauer. Daraus ergibt sich leider auch die Wahrheit des Spruches: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ In neurobiologischer Hinsicht wurde der Wahrheitsgehalt dieser Volksweisheit und der Beobachtung Maria Montessori auf vielfache Weise bestätigt.

 

In der Entwicklung des Kleinkindes von 0 – ca. 6 Jahre lassen sich gut beobachten

 

  • die Sensibilität für Bewegung und Sinneseindrücken                   verbunden mit dem   Verlangen, seinen Willen in Taten umzusetzen.
  • die Sensibilität für Ordnung und Suchen nach Orientierung
  • die Sensibilität für den Erwerb der Sprache und die Anpassung an den geistigen Lebensraum, der durch die Sprache erzeugt wird.

 

Diese Phasen werden und müssen besonders im Elternhaus und dann eventuell später in einem „Kinderhaus“(Kindergarten) beachtet werden.

 

In der Schule, also im Alter des Kindes ab ca. 6 Jahren bis zur Pubertät, kommen weitere sensible  Phasen hinzu.

 

  • das Bedürfnis nach Erweiterung des Aktionskreises
  • das Bedürfnis, die Vorstellungskraft zu üben, Kulturtechniken zu erwerben und Naturphänomene zu erforschen.
  • das Bedürfnis nach Orientierung in moralischen und sozialen Fragen.

 

 

 2. Die Polarisation der Aufmerksamkeit – Konzentration

 

Darunter versteht Montessori die Bündelung aller leib-seelischen Kräfte, die dazu führt, dass man sich selbstvergessen in eine Arbeit versenkt. Schon kleine Kinder können sich in dieser Weise konzentrieren. Erstmalig beobachtete sie dies in ihrem ersten Kinderhaus in San Lorenzo in Rom. Ein Mädchen wiederholte die Übung mit den sogenannten „Holzblockzylindern“ viele Male und war dabei über einen längeren Zeitraum so versunken in ihre Tätigkeit, das es Ablenkungsmanöver nicht bemerkte und sich durch nichts stören ließ. Ohne erkennbaren äußeren Grund beendete das Kind dann seine Handlung und wirkte anschließend glücklich und ausgeglichen.

 

Aktives Verstehen wird als Stärkung der Persönlichkeit und als Kraftzuwachs erlebt. „Es geht mir ein Licht auf!“ Mit dem vertieften Verständnis einer Sache erschließt sich ein Stück Lebenswirklichkeit.


 

3. Die vorbereitete Umgebung

 

Es ist in der heutigen Pädagogik außer Freiarbeit einer der am häufigsten zitierten und verwendeten Begriffe ohne der Angabe der Herkunft von Montessori.

 

Es sind drei Aspekte wichtig.

 

  •  die entspannte Lernumgebung, in der sich das Kind wohlfühlen und selbständig arbeiten kann
  • die Bereitstellung von angemessenem Material
  • die Lehrerpersönlichkeit als Gesprächspartner, Former und Pfleger der vorbereiteten Umgebung

 

Zur vorbereiteten Umgebung gehört das gesamte nach pädagogisch-

psychologischen Gesichtspunkten arrangierte Inventar und das didaktische Material. Arbeitsmaterialien sind für alle Kinder offen zugänglich.

 

Zusammen gehören vorbereitete Umgebung, Freiheit, Disziplin und Ordnung.

Vorbereitete Umgebung bietet dem Kind Gestaltungsspielraum für den Umgang mit anderen Menschen, mit Gegenständen, mit sich selbst. Die Grenzen des Gestaltungsspielraumes sind die Bedürfnisse der Mitmenschen.

 

Ordnung schafft Zuverlässigkeit – Zuverlässigkeit schafft Sicherheit – Sicherheit ermöglicht die verantwortliche Wahrnehmung der Angebote.

 

Für die Einrichtung des Klassenzimmers bedeutet das, dass die Montessorimaterialien und die anderen Unterrichtsmaterialien nach

Bereichen  und nach Schwierigkeiten geordnet sind. Die Kinder werden in die Ordnung eingeführt und halten sich auch beim Aufräumen daran.

 

„Diene der Ordnung, so dient die Ordnung Dir!“ Was Augustinus formulierte gilt als Unterrichtsprinzip für die Montessori-Klassen.


 

4. Das  Arbeitsmaterial nach Maria Montessori

 

Ein Teil der vorbereiteten Umgebung sind die methodischen und pädagogischen Materialien. Sie bestehen aus dem geordneten Angebot der Dinge, die für die Bewältigung des täglichen Lebens notwendig sind,aus Entwicklungsmaterialien für die Sinne, Sprachmaterial, mathematischem Material, Material zur kosmischen Erziehung, an Anregungsmaterialien für musisches Tun und Erleben. Eigenmaterialien der Lehrkraft für bestimmte Themen ergänzen das Lernangebot. Montessori bezeichnet ihr Arbeitsmaterial als „Entwicklungsmaterial“ mit dessen Hilfe das Kind seine geistigen Energien entwickeln kann. Gleichzeitig beeinflusst es die Kinder zum selbständigen Lernen und regt zur Aktivität an.

 

  • Es hat einen hohen Aufforderungscharakter, ist qualitativ hochwertig und solide verarbeitet, gleiches gilt für die verarbeiteten Rohstoffe.
  • Es ist in seinen verschiedenen Bereichen logisch und schlüssig aufgebaut.

Das Material muss außerdem


 

  • dem kindlichen Verständnis angepasst sein
  • den Forschungstrieb befriedigen,
  • die Vorstellungskraft des Kindes entwickeln,
  • über das Studium des Details eine Vision des Ganzen vermitteln,
  • zu geistiger Disziplin und zu geordneten Kenntnissen führen,
  •  eine selbständige Fehlerkontrolle ermöglichen.

Die Einführung eines für das Kind neuen Materials erfolgt gewöhnlich als „Einzellektion“, d. h. die Lehrerin setzt sich daneben und erklärt ihm mit  Worten und Handlung,wie das Material zu handhaben ist. Dies benötigt Ruhe und Zeit. Jedes Material ist in der Regel nur einmal vorhanden.


 

 

5.   Die Freiarbeit

 

Der zentrale Begriff der Montessori Pädagogik ist die Freiarbeit. Sie beginnt im Kinderhaus(Kindergarten). Sie ist für sie eine grundlegende Lernform, die die unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen durch weitgehende Individualisierung fördert. Freie Arbeit ist für sie vor allem Arbeit an sich selbst,als ein elementares Bedürfnis des Menschen. In diesem Sinne bezeichnen wir es heute als Selbstverwirklichung.

 

Die Freiarbeit wird durch gebundenen Unterricht in bestimmten Fächern (bei uns Englisch,Musik,  Kunst, Sport und Religion) ergänzt.

 

In der „vorbereiteten Umgebung“ haben die Kinder einen relativ großen Freiheitsspielraum. Jedes Kind kann wählen

  • was und womit es sich beschäftigen will,
  • an welchem Platz es arbeiten will,
  • mit wem es arbeiten will
  • wie lange es an einer Sache arbeiten will.

 

Dabei sind natürlich Regeln einzuhalten. Die Kinder müssen sich verständigen, wer mit welchem Material wann arbeiten darf und niemand darf bei seiner Arbeit gestört werden.

 

Die Schüler lernen dabei

  • sich selbst einzuschätzen
  • ihre Zeit einzuteilen
  •  ihren eigenen Lernstil zu finden
  •  Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen.

 

Der Schweizer Psychologe Jean Piaget hat der Vorstellung ein Ende bereitet, dass Kinder bereits mit ähnlichen Denkstrukturen wie Erwachsene auf die Welt kommen. Seine Forschungsergebnisse führten zu der Erkenntnis, dass das Gehirn sich stufenweise entwickelt. Die grundlegende Auswahl der Montessori-Materialien und ihre Pädagogik entsprechen diesen Forschungsergebnissen, obwohl Piaget zu seinen Erkenntnissen erst später kam.

 

 

6.    Die veränderte Rolle der Lehrkraft: Lernbegleiter und Lernberater

 

Eine wesentliche Bedingung für die Förderung von selbsttätigem und eigenverantwortlichem Lernen ist eine veränderte Rolle der Lehrkraft oder allgemeiner betrachtet, eine veränderte Haltung der Erwachsenen gegenüber dem Kind und dem Jugendlichen. Sie ist gekennzeichnet durch Respekt vor der Persönlichkeit und dem Vertrauen in die dem Kinde vorhandenen individuellen Entwicklungskräfte.

 

Die Lehrkraft stellt die vorbereitete Umgebung bereit. Sie benötigt eine kritische Selbstreflexion und die beobachtende Distanz des Erwachsenen.

Fehler und Probleme werden als notwendiger Teil des Lernprozesses betrachtet und nicht geahndet,sondern analysiert und als Grundlage für die Fortentwicklung genutzt.

 

Hier sind zehn Leitsätze die für Lehrer und Eltern gelten, damit die körperliche und geistige Entwicklung im Sinne der Montessori-Pädagogik erfolgreich unterstützt werden kann:

 

1.    Zulassen und nicht hindern

2.    Fördern und nicht irritieren

3.    Beobachten und nicht gängeln

4.    Hilfe geben, wenn erwünscht und notwendig

5.    Klarheit schaffen durch Einfachheit und nicht Verwirrung durch         ein Vielerlei

6.    Sachbezogenheit statt Willkür

7.    Richtig vormachen statt korrigieren

8.    Leise und wenig sprechen statt laut und viel

9.    Die kleine Ordnung zu einer großen Ordnung machen

10.  Geduld und Zeit haben aus Respekt vor dem Kind: Ungeduld und        Eile verringern den Respekt vor dem Kind.

 

Somit erhält eine Lehrerin, die nach Montessori unterrichtet, in einer Montessori-Klasse eine stark beobachtende Rolle. Sie bleibt im Hintergrund und ist zur Stelle, wenn  man sie braucht. Sie behandelt die Kinder freundlich und mit Respekt. Aufgrund ihrer Beobachtungen ergänzt sie die Lernumgebung und gestaltet ihre Hilfen für die einzelnen Kinder. Sie führt über jedes einzelne Kind ein Lerntagebuch, in dem die Lernschritte und Lernziele aufgeführt sind. Individuelle Lernzielkontrollen werden durchgeführt, das bedeutet, dass die Kinder dies nicht im Gleichschritt sondern zu unterschiedlichen Zeiten erledigen.

 

Es ist also ein Abschied vom lehrerzentrierten Unterricht, von dem Verständnis, dass die Lehrkraft sich als dominant steuernd und als Organisator des Lernprozesses begreift.

 

Dies bedeutet für alle Beteiligten eine Neudefinition ihrer Rolle und eine echte Herausforderung.